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Im Takt der Zukunft

Isabell Sawade am VFS-Talk für die RSG-WM 2026 | Foto: DTB

Schmiden, Frankfurt und der Aufbruch der deutschen Rhythmischen Sportgymnastik

Wer den Bundesstützpunkt in Fellbach-Schmiden betritt, betritt nicht nur eine Trainingshalle. Im schwäbischen Bundesstützpunkt bündeln sich Talent, Disziplin und Hoffnungen. Hier entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine Generation, die die Rhythmische Sportgymnastik in Deutschland sportlich neu geprägt hat. Und hier liegt zugleich ein Schlüssel für das, was im Sommer 2026 in der Frankfurter Festhalle sichtbar werden soll – eine Sportart in einer Phase der Weiterentwicklung, getragen von struktureller Arbeit und einzelnen herausragenden Athletinnen.

Isabell Sawade, Teamchefin und Architektin dieses Aufschwungs, beschreibt die Entwicklung nüchtern, fast gegen das Pathos gerichtet, den die jüngsten Erfolge nahelegen könnten. “Insgesamt definitiv aufsteigend”, sagt sie, und doch beginnt ihre Analyse mit einem Einschnitt: den Olympischen Spielen von Tokio 2021, für die sich Deutschland weder im Einzel noch in der Gruppe qualifizieren konnte. Es war ein Moment der Zäsur – und der Neuorientierung. Unter dem programmatischen Titel “RSG for Future” wurde ein Konzept entwickelt, das die einseitige Fokussierung auf die Gruppe auflöste und Einzel wie Team gleichermaßen in den Blick nahm.

Dass diese strategische Korrektur Früchte tragen würde, war zunächst nicht ausgemacht. Doch dann trat eine Athletin ins Zentrum, deren Name inzwischen über die Szene hinaus Strahlkraft besitzt: Darja Varfolomeev. Ihre Erfolge – bis hin zu den elf WM-Titeln – gaben der deutschen RSG ein Gesicht. “Ohne sie wären wir definitiv nicht da, wo wir jetzt stehen”, betont Sawade. Denn der Erfolg einzelner Athletinnen wirkt dabei auch als zusätzlicher Impuls für die Entwicklung.

Schmiden steht exemplarisch für diese Entwicklung. Der modernisierte Stützpunkt, eingebettet in das Netzwerk aus Eliteschule des Sports und Olympiastützpunkt, bündelt Kräfte, die zuvor verstreut waren. Hier trainieren die besten Einzelgymnastinnen ebenso wie die Gruppe. Hier entsteht jener tägliche Konkurrenzdruck, der Leistung hervorbringt, ohne sie zu erzwingen. “Ein fairer sportlicher Konkurrenzkampf”, nennt es Sawade. Es ist ein Klima, in dem sich Athletinnen gegenseitig steigern und Leistung kontinuierlich entwickelt wird.

Gleichzeitig bleibt die Struktur anfällig. Der strukturelle Fortschritt stößt an finanzielle Grenzen. Während nach den Erfolgen der vergangenen Jahre Wettkampf- und Lehrgangsmittel gesichert sind, fehlt es weiterhin an Personal. «Null Euro, null Stellen», sagt Sawade über den Bereich des Leistungssportpersonals. Es ist ein Paradox, das im deutschen Spitzensport nicht unbekannt ist: Die sportliche Spitze wächst schneller als die institutionelle Basis.

Der Anspruch hat sich damit verschoben. Nicht mehr die spektakulären Elemente bestimmen mit der Schwierigkeit den Fortschritt, sondern die feinen Differenzen. Zehntel entscheiden über Platzierungen und Medaillen. Technische Perfektion, Ausführung, künstlerischer Ausdruck – alles wird zugleich gedacht. Unterstützt wird dies durch eine gezielte choreografische Arbeit, etwa durch die ehemalige Olympiateilnehmerin und Choreographin Anne Jung, die die Verbindung von Sport und Kunst neu justiert.

Doch so sehr die Entwicklung intern gefestigt erscheint, so offen bleibt die Frage nach der Außenwirkung. Die RSG, so erfolgreich sie derzeit ist, kämpft weiterhin um Sichtbarkeit. Sponsoren bleiben rar, mediale Aufmerksamkeit flüchtig. Sawade versteht dies als Teil ihres Aufgabenbereichs. Auftritte außerhalb der Halle, politische Gespräche, mediale Initiativen – all dies gehört für sie zur Gesamtverantwortung.

Hier setzt die Weltmeisterschaft 2026 in Frankfurt an. Sie ist nicht nur ein sportliches Ereignis. Sie ist ein Prüfstein für die Verbindung von Leistung und Resonanz. Die Ziele formuliert Sawade bewusst zurückhaltend: keine Medaillenversprechen, keine Rangprognosen. Entscheidend sei, “unsere Jahresbestleistung bei den Weltmeisterschaften zu zeigen”. Dieser Ansatz entspricht der bisherigen Arbeitsweise und lässt Spielraum für Entwicklungen.

Ein weiterer Maßstab wird sein, ob die Verbindung zwischen Athletinnen und Publikum gelingt. “Wenn es emotional wird, wenn es leidenschaftlich wird”, sagt Sawade, “dann war es eine richtig gute WM.”

Frankfurt könnte damit zu einem weiteren wichtigen Wendepunkt einer Entwicklung werden, die in Schmiden ihren Ausgang genommen hat. Wenn Struktur, Talent und Rahmenbedingungen zusammenkommen, kann daraus auch eine veränderte Wahrnehmung entstehen – und damit die Chance, die Rhythmische Sportgymnastik wieder stärker ins öffentliche Blickfeld zu rücken.

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