„Die nötige Lockerheit ist auf jeden Fall da und wir sind sehr vorfreudig“, sagt Camilla Pfeffer, um aber gleich nachzuschieben: „Uns ist schon bewusst, was auf uns zukommt und dass dazu auch Druck und Anspannung gehören werden.“ Damit umschreibt die Stützpunkttrainerin Gruppe die Stimmungslage der deutschen Gruppe wenige Wochen vor den Weltmeisterschaften in der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) in Frankfurt. Die Besonderheit dieser Aufgabe pointiert Isabell Sawade: „Für alle Gymnastinnen ist es mit Sicherheit die erste und einzige Heim-WM.“
Die RSG-Teamchefin im Deutschen Turner-Bund blickt auch deshalb optimistisch voraus, weil sie stolz zurückblicken kann. „Camilla und ich betreuen die Gruppe seit 2017 und 2018 und können auf einen großen Leistungsschub blicken. Die Gruppe ist viel konkurrenzfähiger geworden und hat sich auch international einen Namen gemacht.“ Mit der Qualität stieg aber auch die Erwartungshaltung, so dass sich nach einem fünften Platz bei der Europameisterschaft in Bulgarien auch sagen lässt: „Vor zwei Jahren wären wir damit total happy gewesen, aber wir wissen auch, dass die Gruppe bei der EM in Varna noch nicht ihr ganzes Potenzial gezeigt hat.“
Weil zum einen schon eine EM-Medaille (Bronze 2025 in Tallinn) zur jüngeren Geschichte der Gruppe gehört, weil das Aufbauprogramm aber natürlich auch auf den Höhepunkt im August ausgerichtet ist. „Die Vorbereitung läuft gut, wir haben nach der EM im Mai ein paar Tage Pause gemacht, und sind jetzt im vollen Fokus Richtung WM“, erklärt Camilla Pfeffer. Ein World Challenge Cup in Rumänien und ein Weltcup in Mailand werden die letzten Praxis- und Härtetests für die beiden Übungen mit fünf Bällen sowie drei Reifen und zwei Paar Keulen sein.
Auf der Wettkampffläche wurden nach der EM nur Feinjustierungen vorgenommen, daneben haben sich für die Gymnastinnen die Rahmenbedingungen etwas intensiver verändert. Denn zuletzt waren die Köpfe auch bei Abitur- und anderen Schulprüfungen gefordert. Nun sind die Gedanken frei für den Weg Richtung Heim-WM. Was bedeutet: täglich zwei Trainingseinheiten mit insgesamt sechs Stunden, dazwischen natürlich immer noch Schulunterricht. Hohe Anforderungen auf der Zielgeraden eines Prozesses, der im November des vergangenen Jahres begann.
Zwei internationale Spitzen-Choreografinnen, Tatjana Nenasheva und Anastasia Blizniuk, halfen beim Zusammensetzen der Übungselemente, Camilla Pfeffer selbst tüftelte mit Unterstützung von Spezialisten an der Musik. „Das ist mit einer der schwierigsten Prozesse, der sich auch ganz schön ziehen kann“, sagt die Trainerin zu einer Phase zwischen Tonstudio und Turnhalle, in der zwei Stücke mit sehr unterschiedlichen Geschichten entstanden. Mit den Bällen sollen zur Musik von King Arthur kriegerische mit weiblichen Attributen verschmelzen. Mit Reifen und Keulen geht es im „Club de Belugas“ etwas entspannter zu: „Die Geschichte von einem schönen Abend in der Bar bei leichter Piano-Musik und einem Gläschen Sekt“, erklärt Camilla Pfeffer die inhaltliche Basis für die Übung mit gemischten Geräten.
Zum Entwicklungsprozess gehört natürlich auch die Festlegung auf jene Gymnastinnen, die im August in der Frankfurter Festhalle im Rampenlicht stehen dürfen. Keine leichte Aufgabe, wenn bei der intensiven Zusammenarbeit auch menschliche Nähe entsteht und auch sportlich viel mehr Gymnastinnen die Nominierung verdient hätten. Deren Qualitäten sich wiederum unterscheiden von herausragenden Einzel-Gymnastinnen. „Man könnte sich keine Darja Varfolomeev oder Margarita Kolosov in der Gruppe vorstellen, weil die natürlich herausstechen würden“, erklärt Camilla Pfeffer, die für die Zusammenstellung einer harmonischen Gruppe ein recht komplexes Anforderungsprofil an die Einzelnen beschreibt: „Die Gymnastinnen müssen in der Lage sein, sich unterzuordnen. Es braucht aber auch den Charakter, Leistungssport zu betreiben und sich auf den größten Bühnen der Welt zu präsentieren.“ Was wiederum vielen Gymnastinnen in der Nationalmannschaft Gruppe leichter falle als im Solo.
Für das Betreuerteam gehört es dann auch zur Aufgabe, neben der Spannung die Harmonie hochzuhalten. Was in der von Kapitänin Helena Ripken geführten Gruppe aber sehr gut machbar sei. Schließlich haben alle das große Ziel vor Augen, für das die Trainerin bewusst keine bestimmte Platzierung abstecken will: „Wir wollen uns ganz auf unsere Leistung konzentrieren und auf das, was wir beeinflussen können.“ Und die angemessene Lockerheit in einen spannenden Auftritt bei der Heim-WM umwandeln.