Ein inoffizieller Titel dürfte Stiliana Nikolova bei der Gymnastik-WM in Frankfurt/Main kaum zu nehmen sein: Die 20 Jahre alte Weltklasseathletin ist viersprachig aufgewachsen und kann sich auf bulgarisch, russisch, arabisch und englisch bestens verständigen. Eine alles andere als alltägliche Mischung, die sich aus der noch kurzen, aber eben auch wilden Vita der aktuellen Vize-Weltmeisterin im Mehrkampf fast zwangsläufig ergeben hat.
Doch der Reihe nach: Schon der Geburtsort Kairo lässt aufhorchen. Die Hobby-Malerin kam 2005 in der Hauptstadt Ägyptens zur Welt, denn ihre Mutter Paulina Nikolova war zu diesem Zeitpunkt schon seit zwölf Jahren in der nordafrikanischen Metropole als Trainerin tätig. Und hat ihrer Tochter zweifellos das Talent für die Rhythmische Sportgymnastik in die Wiege gelegt. Als Mitglied der bulgarischen Gruppe gewann sie bei den Weltmeisterschaften 1983 und 1985 jeweils die Goldmedaille. Doch als Trainerin hatte man in Bulgarien nach den politischen Umbrüchen Anfang der 1990er-Jahre keine Verwendung mehr für sie, da kam das Angebot aus Ägypten genau im richtigen Moment. Daher begann die Erfolgskarriere ihrer Tochter fernab von Europa in einem Land, in dem die Rhythmische Sportgymnastik eher eine Nischensportart ist. "Meine erste Erinnerung an die Turnhalle stammt aus einer Zeit, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte einfach immer gern mit dem Band und so war es einfach ganz natürlich, Gymnastin zu werden", erinnert sich Nikolova. Die nötige körperliche Robustheit für eine sportliche Laufbahn im Hochleistungssport könnte der 1,41 Meter großen Stiliana Vater Ilija Djakow mitgegeben haben. Der langjährige Fußball-Profi hatte nicht nur den Ruf eines eisenharten Verteidigers, er stand auch fünfmal mit der bulgarischen Nationalmannschaft auf dem Platz und gehörte dem Kader bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko an.
Um ähnliche Erfolge zu erreichen, wagte die hochbegabte Athletin mit gerade einmal 13 Jahren ohne ihre Familie den Umzug von Ägypten nach Bulgarien, um im Leistungszentrum von Sofia ihre sportliche Entwicklung voranzutreiben. Nur fünf Jahre später, 40 Jahre nach dem ersten WM-Gold von Mutter Paulina, wurde auch Stiliana 2023 zum ersten Mal Weltmeisterin für Bulgarien - im Mannschafts-Wettbewerb. Daher war die Enttäuschung umso größer, als die Einzel-Entscheidung bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris für die Mitfavoritin zu einem beispiellosen Desaster geriet. Nikolova war nicht nur im direkten Vergleich mit Olympiasiegerin Darja Varfolomeev chancenlos, sie verpasste sogar knapp als Elfte das Finale der besten zehn Gymnastinnen. Für niemanden ansprechbar hockte sie anschließend in der Arena Porte de la Chapelle auf dem Hallenboden und kämpfte angesichts dieses Debakels vergeblich gegen die Tränen, die ihr über das Gesicht liefen.
Doch die Enttäuschung trieb sie 2025 zu neuen Höchstleistungen an, als sie sich nicht nur die Silbermedaille im Mehrkampf bei den Weltmeisterschaften sicherte, sondern auch dreifaches europäisches Gold mit Reifen, Ball und Keulen. In der Frankfurter Festhalle möchte Nikolova aber wieder strahlen können - am liebsten mit einer Goldmedaille um den Hals.